Archiv | Juni, 2013

Unsere Bundesligasaison in der Retrospektive

3 Jun

Knapp zwei Wochen sind seit dem bitteren Last-Minute-Abstieg der Fortuna vergangen. In dieser Zeit versuchten Vorstand und Aufsichtsrat, die Gründe des Rückrunden-Absturzes zu analysieren. Dabei machte die Chefetage der Fortuna trotz bester Absichten keine glückliche Figur. Auf der Zielgeraden der Saison 12/13 stolpert die Fortuna über die eigenen Füße und sieht die zur Saisonhälfte meilenweit entfernte Konkurrenz freudentrunken an sich vorbeiziehen. Das Relegationsdrama zum Aufstieg und die „Maulwurfaffäre“ zum Abstieg rahmen diese Saison „fortunesk“ ein. Die launische Diva vom Rhein macht ihrem Ruf auch nach Jahren der Bundesligaabstinez wieder alle Ehre.

Als „Anfang vom Ende“ können getrost das verlorene Pokalspiel gegen Offenbach und die unnötige Heimniederlage zum Rückrundenauftakt gegen Augsburg betrachtet werden. In beiden Begegnungen kam unsere Mannschaft mit der Favoritenbürde nicht zurecht, leistete sich gegen Offenbach einen streckenweise arroganten Auftritt. Und gegen Augsburg taten wir irgendwie alles, um ihnen klarzumachen, dass für sie noch alles drin ist. Das war dumm und ärgerlich. Denn in der Hinrunde begeisterten uns unsere Jungs und überraschten die gesamte Liga mit diszipliniertem Defensivspiel und effizientem Konterfußball. So konnten sie den spielerisch eigentlich immer überlegenen Gegnern 21 Punkte abluchsen. Aber wie auch schon in der Rückrunde der Aufstiegssaison begann das Nervenkostüm der Protagonisten mit der steigenden Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und des Umfeldes zu bröckeln. Angst vor der eigenen Courage nennt man wohl so etwas! Gegen Offenbach war die Mannschaft damit überfordert, einem unterklassigen Gegner klarzumachen, wer hier der fußballerische Boss ist – wir ließen „unsere“ Tugenden missen, mit denen aber die Kickers in die Partie gingen und uns genau aus diesem Grund besiegten. Die Überheblichkeit, die wir dort zeigten, war einigen Bundesligisten in der Hinrunde gegen uns bereits zum Verhängnis geworden – Hochmut kommt schließlich vor dem Fall! Die dämlich bis dramatische Heimniederlage zum Rückrundenauftakt gegen die Pupsburger Augenkiste sollte leider ein warnendes Beispiel für die gesamte Rückrunde werden: F95 baut den Gegner durch eigene Fehler auf, semmelt sich die Gegentore im „The Three Stooges“-Style teilweise selbst slapstickartig in die Maschen; hohe Fehlpassquoten, Konzentrationsmängel und technische Defizite nagen am Selbstvertrauen. Die Mannschaft wacht zudem erst in der Schlussphase auf und scheitert dann äußerst knapp daran, noch etwas zählbares mitzunehmen – na, kommt Euch dieses Muster bekannt vor…? Auch das vom Schiedsichter fälschlicherweise anulierte Ausgleichstor in der Nachspielzeit durch Reise ist ebenfalls ein gutes Beispiel für einige unglückliche Schiedsrichterentscheidungen, die gegen uns entlang der Rückrunde getroffen wurden. Gegen Dortmund und Nürnberg wurden uns im Endspurt zwei eindeutige Elfmeter verweigert – Stichwort „wahre Tabelle“. Bei anderen Spielen (Frankfurt, Hamburg) standen einer erfolgreich abgeschlossenen Aufholjagd die eigene fehlende Präzision und Qualität oder einfach auch nur Pech im Weg…

Aber das war ja lange nicht alles… Die unerträgliche Verletztenmisere tat ihr Übriges und zwang die sportliche Leitung an beinahe jedem Spieltag dazu, Umstellungen in der Startelf vorzunehmen. Zahlreiche Spieler fielen mehrfach mit Muskelverletzungen aus, so dass immer wieder wichtige Säulen und Alternativen in der Truppe kurz- bis mittelfristig wegbrachen. Diese Häufigkeit zu kompensieren, würde auch Top-Teams der Liga schwer fallen. Bei einem Aufsteiger und Verein mit dem geringsten Kaderwert der Liga ist diese Anzahl an Ausfällen mitsamt ihrer fast schon peinlichen Regelmäßigkeit fatal.

Was aber jeden Fortunen am heftigsten schockierte, war diese vermaledeite Lethargie und „Blutleere“, mit der die Mannschaft in der Rückrunde teilweise auftrat. Das, was die Mannschaft unter Norbert Meiers Leitung eigentlich immer ausgezeichnet hatte, schien auf einmal gestört. Seit dem Abstieg und durch das damit verbundene Medienchaos sind nun diverse Gerüchte öffentlich geworden. Es habe Risse in Mannschaftsgefüge und Trainerteam gegeben, heißt es. Wer genauer hinsieht, konnte dies auf dem Platz, beim Aufwärmen und auch nach den Spielen von der Tribüne aus erkennen. Da war irgendetwas gebrochen. Negativer Höhepunkt hierzu bleibt das Ausbleiben jedweder Gratulation für Dani Schahin, als er in Frankfurt den Anschlusstreffer zum 1-2 erzielte. Wie wichtig der mannschaftliche Zusammenhalt ist, und wie wertvoll die Floskel „11 Freunde müsst Ihr sein!“ ist, zeigten – ja, Ihr müsst jetzt stark sein – die Bayern auf recht beeindruckende Weise. Klar, das fällt einem leicht, wenn man erfolgreich ist. Aber Erfolgsdruck kann auch zermürbend sein. Wenn man sieht, wie die Bayern mit Zusammenhalt, Hingabe und Leidenschaft die Übermacht FC Barcelona in Grund und Boden spielten, wird deutlich, dass es auf allen (Qualitäts-)Ebenen notwendig ist, Einsatzwillen zu zeigen und über sich hinauszuwachsen. Bei unseren Jungs war gerade zum Ende der Saison einfach jedwede Galligkeit weg. Überzeugung und Selbstvertrauen zeichnen den Profi neben technischen Fertigkeiten aus. Im Falle unserer Jungs sind aber gerade diese „softskills“ weggebrochen.

Understatement – oder der Drang, sich selbst schwach zu reden.

In den letzten Spielzeiten sind wir eigentlich immer als Underdog gestartet. Zumindest aus eigener Sicht. Die Strategie des Understatements funktionierte ja auch prächtig: zwei Aufstiege in fünf Jahren sind eine eindrucksvolle Bilanz. Dabei wurde eine sparsame Transferpolitik an den Tag gelegt, die den Verein in der Zwischenzeit auch noch finanziell gesunden ließ. Es wurden keine Sprüche gekloppt – weder im Erfolg, noch in der Krise. Man war sich immer bewusst, wo man herkommt. Diese Einstellung ist an sich sehr löblich und sympathisch – das eigene Licht aber zu oft unter den Scheffel zustellen, birgt auch eine gewisse psychologische Gefahr in sich: dass man sich nicht wirklich vergegenwärtigt, wo man im hier und jetzt eigentlich steht.

Da zeigen die letzten zwei Jahre des Auf- und Abstiegs deutliche Parallelen: In der Aufstiegssaison 11/12 spielte die Fortuna eine Rekordhinrunde. Als Spitzenreiter mit bis dato unerreichter Punktzahl waren wir klarer Favorit auf den direkten Aufstieg. Das entwickelte sich aber für unsere Jungs zu einer Bürde; anstatt die Herausforderung anzunehmen und Selbstbewußtsein zu demonstrieren, wurde betont „dass wir nicht aufsteigen müssen“ und wir doch wirklich „gar nichts zu verlieren“ hätten. Der Verein versäumte zudem, dem Rösler-Veh-Theater etwas entgegenzusetzen und der Transferwirbel um Leistungsträger wie Beister und Luki kamen erschwerend hinzu: die Jungs wirkten weniger fokussiert und die spielerischen Dinge, die Wochen zuvor noch funktionierten, misslangen nun. Es schien beinahe, als würde das „Aufstiegsgespenst“ rumgeistern. Am Ende retteten wir uns nur durch das um vier Treffer besser Torverhältnis in die Relegation. Damals funktionierte es, von Spieltag zu Spieltag „auf pump“ durchzukommen… Warum dieser Rückblick auf 2011/12, fragt Ihr vielleicht. Naja, weil die Ähnlichkeit zu der gerade beendeten Spielzeit fast schon erschreckend ist. Der entscheidende Unterschied ist aber eine andere psychologische Ausgansposition und das andere Klassement: im letzten Jahr ging es in der Endphase gegen Union, Führt und den MSV, mit der Möglichkeit vor Augen, in die Bundesliga aufzusteigen. Also immer noch mit einem positiven Ziel vor Augen und gegen Gegner, die von der Qualität her im höchsten Fall auf Augenhöhe waren. Diesmal sollten es nun mal Hamburg, Dortmund, Frankfurt, Nürnberg und Hannover sein…

2012/13 erkämpften wir uns als Abstiegskandidat Nr.1 grandiose 21 Punkte in der Hinrunde und waren 12 Punkte von #17 entfernt. Längst hatte unser Team unter Beweis gestellt, dass es in diese Liga gehört. Auch diesmal bleibt die Fortuna bescheiden und erzählt jedem, der es nicht hören will, dass das aber nochmal eng werden wird. Natürlich muss man Realist bleiben. Gerade in Düsseldorf und bei der Fortuna, denn bei manchen erwachten schon Phantasien zur Euro-League-Teilnahme! Aber die psychologische Message an die eigenen Spieler war dann eine falsche; zumindest wirkte es so bei uns. Statt dem Team und der Öffentlichkeit klar zu machen, dass wir gekommen sind, um zu bleiben, wurden Unsicherheiten geweckt. Deplatzierte Demut könnte man das nennen. Von Spieltag zu Spieltag, von Misserfolg zu Misserfolg schien das Gesamtego schwächer zu werden und Norbert Meier verlor den Zugang. Die Mannschaft baute auch in puncto Zusammenhalt ab. Kloppereien im Training waren da der negative Höhepunkt. Da hatte unser Chefcoach die Jungs bereits nicht mehr im Griff und konnte kein Feuer, kein Selbstbewusstsein und keine Willensstärke mehr entfachen. Dies führt bei der hohen Qualität in der Bundesliga leider nun mal zum Abstieg. Die Frankfurter Eintracht ist mal mit 26 Punkten aus der Hinrunde abgeschmiert… „Auf Pump“ von Spieltag zu Spieltag krebsen, ist nicht. Denn so geht erste Liga einfach nicht.

Aber einen nicht zu verachtenden Mosaikstein zum Abstieg haben leider auch wir Fans geliefert. Die aus dem Platzsturm resultierenden, zwei halben Geisterspiele zu Beginn der Saison führten zu Unruhe unter den Fans, der zwischenzeitliche Supportrückzug der Ultras im Zuge der Diskussionen um das Sicherheitspapier und die damit verbundenen Reibereien zwischen den verschiedenen Fangruppen (mit peinlichsten Medienberichten und Foreneinträgen) haben den Support in wichtigen Phasen „zerknüsselt“ und fatal beeinträchtigt. Die Fans waren teilweise zu sehr mit sich selbst beschäftigt und haben sich nicht auf das Wesentliche – das Supporten – konzentriert. In diesem Punkt haben sich Mannschaft und Fans durchaus geähnelt. Dabei ist der Schulterschluss bei uns so enorm wichtig. Wir mögen unsere Gründe gehabt haben – zweifellos – sollten uns aber auch einer gewissen Mitverantwortung stellen.

Nach dem Abstieg ist vor dem Aufstieg!

Seit letzter Woche ist es nun amtlich, Norbert Meier ist nicht mehr unser Chefcoach. Wie es die Spatzen schon seit Tagen von den Dächern plärren, ist der Düsseldorfer Jong, Mike Büskens, nach einheitlichen Medienberichten, der neue Mann auf unserer Trainerbank. Wir finden: Das passt wie die Faust auf’s Auge! In der Saison 89/90 standen wir als halbwüchsige Pimpfe Fahnen schwenkend im 36er des zugigen und kläglich unterbesetzten Rheinstadions. Ein blonder Jüngling spielte sich auf der linken Seite der Fortuna direkt in unsere Herzen. In seinen Jahren als Fortuna-Stütze war Büskens der Axel Bellinghausen seiner Zeit und dazu noch in Flingern geboren. Er ist einer von uns. Dynamik, Laufbereitschaft und Leidenschaft auf dem Spielfeld zeichneten den späteren Europapokal-Sieger aus. Diese Tugenden vermittelte er als Trainer den Fürthern (davor ewig Zweitligavierter), die in der Saison 11/12 unter ihm souverän und einen guten Ball spielend, in die Bundesliga aufgestiegen…

Die Aussicht auf Büskens als Chefcoach weckt die Lust auf die neue Saison, in der wir nun seit Jahren auch ENDLICH mal wieder den Kölnern schöne Derbyniederlagen zufügen können. Der Kader der Fortuna ist für die 2. Liga hervorragend aufgestellt. Mit Latka und Malezas haben wir zwei Bomben-Innenverteidiger für’s Unterhaus; mit Bolly, Garbuschewski, Omae, Axel, Lumpi und dem neuen Aussi-Flitzer Halloran schon einige Spieler, die die Offensive ankurbeln werden; Bodzek ist als 6er ’ne echte Bank und Reisinger und Schahin haben das Zeug, in der 2. Liga um die Torjägerkanone mitzuballern. Mit den Neuzugängen Rensing und Schmidtgal hat die sportliche Leitung die Abgänge von Almer und Jojo mehr als kompensiert. Wenn sich Wolf Werner und Mike Büskens noch auf 1-2 Zugänge einigen, die den Kader gezielt in der qualitativen Spitze verstärken (wir hätten ja gerne Occean oder Poté), kriegen wir die Truppe richtig rund. Gleichzeitig sollten aber manche Neuzugänge dieser Saison noch ihre Chance bekommen – Wegkamp und Garbuschewski allen voran. Schaut an sich aber dieses Team an, haben wir gute Chancen, nächstes Jahr um diese Zeit wieder den Aufstieg zu feiern. … und vielleicht diesmal ohne Relegationsdrama!  🙂
Hechzlischen Dank

Zu guter Letzt wollen wir uns nach dieser spannenden Saison und des Starts unseres Blogs explizit bei Norbert Meier bedanken. Für die viele sagenhaft schönen Momente und eine „geile Zeit“, wie er selbst so schön gesagt hat. Die Reinkarnation von F95 ist eng mit seinem Namen verbunden und er wird uns allen als positiver Meilenstein der Fortunageschichte in Erinnerung bleiben.

Danke auch an Euch, die Ihr sogar mal zu zweieinhalbtausenden (!) unsere Spielberichte gelesen habt. Das macht uns mächtig stolz und befeuert die Motivation, unseren Blog kommende Saison fortzuführen. Also: bleibt uns als Leserschaft erhalten!

Vorerst verbleiben wir mit einem inbrünstigen 95 OLÉ

Ingo & Adnan

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